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Die Geschichte von unserem Törn mit dem Dreimaster Bélem…


Die Bélem, ein französische Barke mit drei Masten, die im 19. Jahrhundert im Jahr 1896 gebaut wurde, ist die älteste in Europa und wird als historisches Denkmal behandelt. Sie führte uns zurück in die Vergangenheit und mittenhinein in einen Sturm…


  ‘Ein strenger Wind blies wieder einmal an der Südküste der Bretagne und weckte mich dadurch auf, dass er laut an den offenen Fensterläden im ersten Stock rüttelte, so dass ich aufstand um diese zu schließen. Als ich das Fenster öffnete füllten sich meine Lungen mit der feuchten Luft des Meeres, die der Wind in mein Gesicht blies, während er die Wolken über den Himmel trieb und ich in der Ferne den sonoren Ton des Leuchtfeuers an der Hafeneinfahrt von Brigneau hörte, der an das Muhen einer Kuh erinnert. In diesem Moment wäre ich gerne wieder an Bord der Bélem gewesen, wie vor zwei Wochen bei noch stürmischerem Wetter.



Le Bélem, Philip Plisson
Foto von Philip Plisson, site web www.plisson.com


  Die Bélem ist ein wunderschöner, über 100 Jahre alter Dreimaster, der im 19. Jahrhundert genutzt wurde um Kakao aus Brasilien zu importieren. Benannt wurde sie nach der Stadt Bélem, die an der Mündung des Amazonas liegt, der sich dort in den riesigen Atlantik ergießt.

  Zwei Wochen zuvor war ich also an Bord dieses Schiffes vor der bretonischen Küste gewesen mit Kurs auf ihren Heimathafen Nantes. Wir segelten Tag und Nacht bei außergewöhnlich rauem Wetter, das zugleich beeindruckend und unheimlich war bei bis zu 10 Windstärken (130 km/h) und 7-8 Meter hohen Wellen um uns herum. Tagelang sahen wir fast keinen Sonnenstrahl.

   Manchmal konnten wir nicht einmal den Himmel sehen, weil die Wellen den Blick darauf versperrten, so dass die grün-grauen Wassermassen zu unserem Horizont wurden. Die einzige Möglichkeit sich an Bord zu bewegen, war so breitbeinig wie möglich zu gehen und sich dabei immer mit mindestens einer Hand an der Reling festzuhalten. Selbst über die Brücke wuschen die Wellen und füllten unsere Stiefel mit Wasser. Manchmal mussten wir mit 20 Mann an einem Seil anpacken, um ein Segel zu fixieren.

  Sobald der Wind auch nur ein bisschen abflaute, kletterten einige Mitglieder der Crew auf die Masten, um die Segel fester um die Rahen zu wickeln. Da wir Tag und Nacht unterwegs waren, organisierten wir uns in ‚Wachen‘, die jeweils für vier Stunden die Brücke besetzt hielten. Wer nicht auf Wache war konnte sich entspannen und schlafen, wobei es recht schwierig war sich auszuziehen und in eine Koje zu klettern, da man durch die Bewegung des Schiffes dauernd von einer auf die andere Seite der kleinen Kabinen geworfen wurde. Als ich es schließlich geschafft hatte, verkeilte ich mich in der Koje mit der Hüfte an der Bordwand und den Knien an der Kante der Koje, um nicht wieder herausgeworfen zu werden.

  Das Essen war noch um einiges schwieriger, da alle Gegenstände auf dem Tisch herumrutschten. Und wenn wir uns selbst manchmal an den Bänken festklammerten, mussten auch gleichzeitig Besteck, Teller und Tassen ebenfalls festgehalten werden. Für die Teller erwies es sich dabei als hilfreich, diese auf feuchte Papierservietten zu stellen.

  Die andere große Herausforderung war, das Essen überhaupt über eine Leiter von der Kombüse, die auf der Höhe der Brücke lag, in den darunter liegenden Essraum auf den Tisch zu bekommen.

  An einem Tag begleiteten uns Delphine, denen die gewaltigen Wellen überhaupt nichts auszumachen schienen. Sie schwammen seitlich des Schiffes mit eleganten Sprüngen und genossen augenscheinlich die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde. Manchmal überholten Sie das Schiff, kreuzten vor dem Bug auf die andere Seite und tauchten dann wieder unter dem Kiel hindurch… ein großartiges Schauspiel.

  In der ersten Nacht segelten wir ohne Unterbrechung bis vor Penmarch (wo der Chemikalientanker ‘Erika’ seinerzeit havariert war). Während der Wache von 2 bis 4 Uhr morgens hatte sich das Wetter immer weiter verschlechtert und der Wind blies stärker und stärker. Ein ausgewachsener Sturm war vorhergesagt, so dass wir einige Segel einholen mussten, was unter den gegebenen Bedingungen ein schwieriges Manöver war. Am Morgen hatten wir nur noch das Toppsegel, das Spanker und das Fock aufgezogen. Da die Wettervorhersage für die kommenden Stunden und insbesondere die darauf folgende Nacht noch schlechter wurde, manövrierte uns Captain Cornil zwischen die Ile de Groix und das Festland, um dort wenigstens etwas Schutz zu finden. Wir warfen den Anker und waren für die Nacht erst einmal in Sicherheit. Eigentlich hatten wir für die zweite Nacht bereits in Belle Ile sein wollen, aber der Skipper hatte das für zu gefährlich befunden, so dass wir erst einmal zwischen Groix und Lorient festlagen. Eine Wetterberuhigung erlaubte uns dann wieder in See zu stechen Richtung Belle Ile. Da der Wind aber von vorne aus Süd-Süd-West kam mussten wir erst einmal Abstand zur Küste gewinnen, um nicht das Risiko einzugehen, von der Strömung an die Felsen vor der Küste geworfen zu werden.

  In dieser Nach suchten wir dann im Windschatten von Belle Ile Schutz wie auch viele andere Tanker und Containerschiffe, die teilweise vier bis fünfmal so groß wie wir und natürlich viel moderner waren. Auch sie hatten es aber als ratsam empfunden, vor dem angekündigten Sturm Schutz zu suchen. In dieser Nacht vertäuten wir die Bélem an zwei Ankern mit mächtigen 250m langen Ketten.

  Am nächsten Morgen entschied sich der Kapitän nach reiflicher Überlegung wieder in See zu stechen. Da wir aber die einzigen waren und die anderen größeren Schiffe zurück blieben taten wir dies mit einem etwas mulmigen Gefühl. Glücklicherweise drehte der Wind im Tagesverlauf auf Nord-Nord-West, was uns ermöglichte hinaus auf die See in Richtung der Mündung der Loire zu segeln, der wir dann folgen würden um geradewegs nach Nantes zu kommen.

  Als wir uns der Flussmündung näherten, wurden wir von einem Lotsenboot empfangen, von dem ein Lotse uns von der Mündung bis zum Hafen von Nantes den Fluss hinauf leiten sollte. Die akrobatische Leistung des Lotsen, um an Bord zu kommen war ebenso beeindruckend, wie der Anblick des Lotsenbootes, das dabei wie ein Spielball gegen den Rumpf der Bélem geworfen wurde und dann wieder wie ein Torpedo Richtung Küste davon schoss. Als wir uns der Flussmündung näherten, beruhigte sich auch der Seegang.

  Da es Nacht war, waren alle Frachtschiffe, Kräne und Lagerhäuser entlang der Loire erleuchtet, was selbst diese moderne Industriepanorama wie verzaubert erscheinen ließ. Natürlich waren wir alle auf der Brücke um diesen Anblick zu genießen. Als wir uns unserem Kai nahe des Stadtzentrums näherten, säumten zahllose Schaulustige den Kai und winkten den Matrosen an Bord zu.

  Eine Rückkehr von einer Reise, die uns 200 Jahre in die Vergangenheit geführt hatte…

  In einer Hafenkneipe trank ich erst einmal zwei halbe Liter eines exzellenten Brown Ale bevor wir zum letzten Mal zum Schlafen an Bord zurückkehrten.

  Und erstmalig in vier Nächten in einer Koje, die sich nicht bewegte…‘


                                                                            vom 27 bis 30 Oktober 2000.

 

 


Bernard Jund


Bernard Jund,
‘Art singulier’ Künstler, Schriftsteller, Maler.